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 19.03.2017

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»Ich habe zwischendurch den Fokus verloren«

Interview: Der Breisgau-Slowaken-Ami

 

»Ich habe zwischendurch den Fokus verloren«

 

In der zweiten slowakischen Liga spielt eine ganze Horde junger Brasilianer von Fluminense. Mittendrin: ein deutscher Torwart. Der aus den USA kam.

 

VERÖFFENTLICHT: 19.03.2017
TEXT: 
Ilja Behnisch
PERSONEN: Philip Poser
LÄNDER: USA, Brasilien, Slowakei

Philip Poser

Philip Poser, Stammtorwart in der slowakischen Liga

Philip Poser, wie landet man eigentlich beim slowakischen Zweitligisten FC STK 1914 Samorin?
Ich habe in den USA studiert und College-Fußball gespielt. Die Trainer dort haben mir dann nach meinem Abschluss den Kontakt in die Slowakei vermittelt, wo ebenfalls ein amerikanischer Trainer tätig war.

Und wie wiederum landet man in den USA?
Ich habe mit acht Jahren ganz normal mit dem Fußball angefangen. Bei mir auf dem Land, in Staufen im Breisgau. Irgendwann kam der SC Freiburg auf mich zu, also habe ich dort in der U14 gespielt. Später dann für den Freiburger FC und Eintracht Freiburg. Nebenher habe ich mein Abitur gebaut.

Also wollten Sie einfach nur zum Studium in die USA?
Nein, ich habe das schon aus sportlichen Gründen gemacht.

Haben Sie sich einfach so an den Colleges beworben oder wie läuft das ab?
In der A-Jugend bei Eintracht Freiburg schaute irgendwann mal die Agentur Monaco Sports vorbei und stellte sich vor. Die vermitteln Sport-Stipendien in den USA. Während dem Abitur, als ich vor der Frage stand, was danach kommt, habe ich mich an sie erinnert.

Was genau leistet die Agentur?
Zunächst schätzen sie die eigenen Stärken, Schwächen und Chancen ein. Sowohl schulisch, als auch sportlich. Dann erstellen sie unter anderem ein Highlight-Video, kümmern sich um die Bewerbung und helfen schließlich bei der Auswahl des richtigen Colleges.

Wie sah das Auswahlverfahren in Ihrem Fall aus?
Ich hatte mehrere Angebote, mich dann aber recht schnell dafür entschieden, nach Oakland zu gehen. Kalifornien, die Nähe zu San Francisco, das schien mir einfach perfekt. Finanziell gab es bessere Angebote, aber das Gesamtpaket war entscheidend.

Lassen sich Studium und Fußball leicht unter einen Hut bringen?
Während der Saison, dem Herbstsemester, lag der Fokus auf dem Fußball. Da haben wir auch fast täglich trainiert. Im Frühlingssemester stand eher mein Management-Studium im Mittelpunkt. Training war dann nur noch etwa drei bis vier Mal die Woche.

Kalifornien: Sonne, Strand und hübsche Mädchen.
Um ehrlich zu sein, habe ich zwischendurch schon ein wenig den Fokus auf den Fußball verloren. Das war auch ein Grund, weshalb ich nach zwei Jahren in Oakland die Uni gewechselt habe, und nach Houston gegangen bin. Außerdem war das sportliche Niveau dort nochmals etwas höher.

Wie würden Sie den amerikanischen College-Fußball insgesamt einschätzen? 
Die Spielweise ist natürlich eine andere, eher körperbetont. Das schöne Spiel ist nicht unbedingt an der Tagesordnung, vieles wird über die Athletik geregelt.

Und der Zuschauerzuspruch? Im College-Football kommen zuweilen Zehntausende.
In Oakland kamen eher so 50 bis 100 Zuschauer. Das lag aber auch daran, dass unser Platz nicht auf dem Campus lag. In Houston hingegen waren es schon mal ein bisschen mehr, bei Auswärtsspielen bis zu eintausend Fans.

 

Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären: Wie kamen Sie dann in die Slowakei?
Eigentlich wollte ich nach dem Studium zurück nach Deutschland, schauen, ob ich dort fußballerisch unterkomme. Aber es hat sich nicht so richtig etwas ergeben. Erst in der letzten Woche, bevor ich in die Heimat fliegen wollte, ergab sich Chance, in der Slowakei zum Probetraining zu kommen. Also bin ich nach Hause geflogen und sofort in den nächsten Zug.

Wie waren die ersten Eindrücke vor Ort?
Anfangs habe ich mich natürlich schon gefragt, ob die zweite, slowakische Liga der richtige Schritt ist. Aber vor Ort hat alles gepasst, sowohl finanziell als auch von den sportlichen Gegebenheiten. Nicht zuletzt wegen der Kooperation mit Fluminense.

Fluminense Rio de Janeiro schickt seit Sommer 2015 Jahr für Jahr Nachwuchsspieler in die Slowakei. Wie finden die sich dort ein, so weit weg von ihrer Heimat?
Die Jungs (allein 14 Spieler verschiedener Altersklassen sind im vergangenen Sommer neu gekommen, Anm. d. Red.) leben zusammen und bleiben die meiste Zeit auch unter sich. Ist natürlich auch ein Kulturschock für sie. Aber insgesamt klappt das gut, sowohl auf dem Platz als auch in der Kabine. Irgendwie verständigen wir uns schon. 

Und nehmen die Brasilianer die Herausforderung an, oder sehen sie die Leihe eher als Strafe?
Sie nehmen es absolut an. Für sie ist das eine große Chance: sich in Europa zu beweisen, Erfahrungen zu sammeln. Ihr großes Ziel ist es natürlich, irgendwann bei ihrem Heimatverein Fuß zu fassen. Einigen ihrer Vorgänger ist das auch schon gelungen.

Und im Liga-Alltag? Wie kommen die Zauberfüsse vom Zuckerhut mit der rauen, slowakischen Wirklichkeit zurecht?
Es gibt schon Spiele, vor allem wenn wir gegen Mannschaften vom Tabellenende spielen, da wird ordentlich getreten. Aber die Jungs haben sich schnell daran gewöhnt. 

Wie sieht es in der öffentlichen Wahrnehmung aus?
Abneigung gibt es jedenfalls keine. Da ist eher Interesse. Ist ja auch einfach schön anzusehen, was die Brasilianer spielen. Und mit Platz vier läuft es auch sportlich ganz gut.

Auch bei Ihnen?
Meine Vorbereitung war richtig gut, ich war dann aber angeschlagen, so dass ich im Moment nur Ersatztorhüter bin.

Auch welchem Niveau bewegt sich die Liga?
Schwer zu sagen, weil ich in Deutschland nie bei den Profis gespielt habe. Aber ich schätze, dass wir ungefähr auf dem Level der deutschen Ober- oder Regionalliga sind.

Wie sieht der weitere Karriereplan aus?
Mein Vertrag läuft erstmal nur bis zum Saisonende. Mal sehen was danach kommt. Irgendwann will ich wieder zurück in die USA, weil dort auch meine Freundin lebt. Aber ich kann mir auch vorstellen, weiter hier zu bleiben. Bratislava ist nicht weit weg, Wien ist auch relativ nah. Ich kann vom Fußball leben und ein bisschen was zurücklegen, um in den Spielpausen etwas Schönes zu unternehmen.

Haben Sie einen Berater oder eine Agentur, die ihnen bei der Zukunftsplanung hilft?
Momentan bin ich da auf mich allein gestellt. Also: Wenn jemand einen großen (1,96 Meter, Anm. d. Red.), 23 Jahre alten Torhüter sucht, der ganz gut mit seinen Füssen ist und sich überall zurecht findet - ich höre mir alles an.